Konzerthalle Ulrichskirche

(Bild: OmiTs)

Der spätgotische Sakralbau ist eine hervorragende Aufführungsstätte für Vokalmusik. Darüber hinaus ist die Konzerthalle Ulrichskirche Gastgeber für Jazz, Gospel und Folklore. Jährlich werden ca. 150 öffentliche Konzerte unterschiedlichster Art angeboten

Anschrift:
Konzerthalle Ulrichskirche
Leipziger Straße 26
06108 Halle (Saale)


Musik inmitten der Stadt

Gästen der Stadt Halle, die vom Markt zum Leipziger Turm bummeln, fällt bestimmt das imposante Bauwerk der Ulrichskirche auf: Gleich rechts im unteren Bereich der Leipziger Straße erhebt sich dieser aus dem Mittelalter stammende Sakralbau. Turmlos zwar, doch mit hohem Schieferdach und mit ihrer durch Pfeiler, Fenster und Portale gegliederten Nordfassade beeindruckt die riesige Kirche gleich auf den ersten Blick. Auf den zweiten Blick allerdings sieht man: Ein Gotteshaus ist das nicht (mehr), denn zu jeder Zeit findet man an den Mauern Ankündigungen der unterschiedlichsten Konzerte.
In den siebziger Jahren wurde aus der Kirche eine Konzerthalle, zu einer Zeit, da an die Händel-Halle noch nicht zu denken war und als Konzertsäle außer dem Opernhaus nur der Saal des „Klubhauses der Gewerkschaften“ (heute K & K-Zentrum) oder das Steintorvarietè zur Verfügung standen. Seither ist die Ulrichskirche in dieser Funktion aus dem Musikleben der Stadt nicht mehr wegzudenken.

Von der Klosterkirche zur Universitätskirche

Mönche aus dem von reichen florentinischen Kaufleuten gegründeten Orden der Serviten – oder Marienknechte – kamen im 13. Jahrhundert auch nach Halle. Hier siedelten sie sich anfangs vor den Toren der Stadt an. Durch Schenkungen und Stiftungen wuchs ihr Grundbesitz. Am Bedeutendsten war ein Rittersitz in der Nähe des Galgtores (Leipziger Turm). Hier durften sie schließlich ihr neues Kloster errichten. Der Bau der Kirche, die derheiligen Maria geweiht war, begann 1341; fertiggestellt wurd e sie allerdings erst 1510. Nach der lutherischen Reformation veräußerten die Serviten ihre Besitztümer und verließen die Stadt. Die Klosterkirche wurde 1531 der Pfarrgemeinde St. Ulrich übereignet, die ihr altes Gotteshaus am Ulrichstor (heute nördlicher Eingang der Kleinen Ulrichstraße) aufgeben mussten. 1532 erhielt die Kirche den Namen St. Ulrich. Unter ihren Diakonen und Pfarrern waren in der Folgezeit viele von universitätsgeschichtlicher Bedeutung. So wirkte beispielsweise der pietistische Theologe August Hermann Francke (1663–1727), Begründer der Franckeschen Stiftungen, hier von 1715 bis zu seinem Tode als Pfarrer. Sein Nachfolger im Pfarramt wurde Johann A. Freylinghausen. Nach ihm war der Theologieprofessor Adam Struensee (1708–1791) von 1739 bis 1757 als Prediger tätig. Und 1806 wurde St. Ulrich schließlich selbst zur Universitätskirche – was bis 1836 so blieb. In ihr hielt Friedrich Schleiermacher (1768–1834) seine berühmten Predigten. Der Pietist Friedrich August Gottreu Tholuck gab als Universitäts-prediger ab 1834 „Eine Sammlung von Predigten, in dem akademischen Gottesdienste der Universität zu Halle in der St. Ulrichskirche gehalten“ heraus.
Auch die Namen berühmter Persönlichkeiten aus der Musikgeschichte sind mit der St. Ulrichskirche verbunden: Samuel Scheidt wurde 1587 hier getauft, Daniel Gottlob Türk war Kantor dieser Kirche und Robert Franz trat 1844 das Amt des Organisten an. Er gab darüber hinaus in der Ulrichskirche Konzerte mit der von ihm geleiteten Singakademie, die heute seinen Namen trägt und der „Hauschor“ des Philharmonischen Staatsorchesters Halle ist (siehe UZ im Oktober 2005).

Von der Kirche zur Konzerthalle

Im Jahre 1972 wurde zwischen der Ulrichsgemeinde und dem Rat der Stadt Halle in einem Nutzungsvertrag über 99 Jahre der Umbau der Ulrichskirche zur Konzerthalle vereinbart. Für diese Umgestaltung zeichnete der hallesche Architekt Uwe Graul verantwortlich. Von der Kirche ist die gesamte zweischiffige Raumhülle erhalten geblieben und auch die Farbverglasung in den Südfenstern. Die vorhandenen Gewölbemalereien wurden restauriert, ebenso der barocke Orgelprospekt an der Westseite und die Emporenbrüstung.
Im Chor befindet sich jetzt ein Orchesterpodest. Das Hauptschiff bietet ca. 500 Besuchern Platz, das Seitenschiff wurde zur Wandelhalle, unter der Westempore sind die Kassenhalle und die Garderobe angeordnet und an der Südseite entstand ein völlig neuer Sanitärtrakt. Das ehemalige Pfarrhaus beherbergt die Künstlergarderoben, Proben- und Verwaltungsräume. Und schließlich wurde – da die 1675 erbaute Förner-Orgel, von der heute nur noch der schon genannte Orgelprospekt erhalten ist, nicht mehr funktionstüchtig war – vom Frankfurter Orgelbau Sauer eine Konzertorgel mit 56 Registern auf drei Manualen mit Pedal eingebaut.

Von sakraler Musik bis Jazz

Die Konzerthalle Ulrichskirche war und ist von Anfang an ein Haus ohne festes Ensemble. Alle hier stattfindenden Konzerte sind Gastspiele; es gibt keine Anrechtsreihen, sondern nur freien Kartenverkauf. Die hier auftretenden Künstler sind gewissermaßen Mieter dieser Einrichtung; die Konzerthalle stellt ihnen die Räume und die Logistik zur Verfügung und übernimmt auch den Kartenverkauf. Die spätgotische Kirche eignet sich durch ihre Akustik als Aufführungsort für viele Musikgenres. Schon seit ihrer Eröffnung bilden Chorkonzerte eine Hauptaufführungs-strecke. Das ist nicht zuletzt durch die reiche Chorlandschaft in der Stadt Halle selbst begründet. Vom Stadtsingechor bist zum Neuen Chor Halle – hier sind wohl alle renommierten halleschen Chöre schon einmal aufgetreten. Ein Höhepunkt ist immer das alljährlich im Mai stattfindende Kinderchorfestival das gerade zuende ging und wieder zahllose Freunde der Chormusik begeisterte. Auch das Konzert zum 50-jährigen Bestehen des Neuen Chores Halle am 28. Mai 2005 wird sicher viele ZuhörerInnen anziehen. (Die uz berichtete in ihrer April-Ausgabe auf S. 10 über diesen Chor.). Ob A-cappella-Konzerte oder chorsinfonische Werke – die Konzerthalle ist für Chormusik wie geschaffen.Der Universitätschor „Johann Friedrich Reichardt“ und das Akademische Orchester der Martin-Luther-Universität nutzen die Ulrichskirche regelmäßig für große Konzerte, beispielsweise im kommenden Dezember: Es vergeht zwar noch einige Zeit bis Weihnachten, doch das „Oratorio de Noel“ von Camille Saint-Saens am 10.12. sollte man sich vielleicht schon vormerken. Die Verbindung zwischen den Klangkörpern der Universität und der Konzerthalle Ulrichskirche bestehen schon seit mehr als 20 Jahren. Das Jubiläumskonzert zum 50. Geburtstag des Universitätschores fand an diesem Ort statt, und im Mai des nächsten Jahres wird auch das Konzert zum seinem 55-jährigen Bestehen hier zu erleben sein.
Da die schon genannte Sauer-Orgel hervorragende Voraussetzungen für die Interpretation von Orgelmusik aus allen Stilepochen bietet, sind Orgelkonzerte ein fester Bestandteil des Konzerthallenprogramms. In der monatlichen Orgelstunde (von September bis Mai) konzertieren namhafte Interpreten aus dem In- und Ausland. Am 21. Mai ist Armin Thalheim, Berlin, zu hören, im Oktober z. B. ein Solist aus Lübeck und im November Matthias Eisenberg. Außerdem gibt es interessante Konzerte, in denen die Orgel in Verbindung mit einem anderen Soloinstrument erklingt, so im September Orgel plus Trompete mit Thorsten Pech, Wuppertal. Und während des größten halleschen Musikereignisses – zu den Händelfestspielen – ist die Ulrichskirche ebenfalls Veranstaltungsstätte.

Ein ganz anderes Musikgenre – nämlich der Jazz – steht seit Langem ganz weit oben auf der Programmscala. Im Jahre 1995 wurde als gemeinsames Projekt von Cultour-Büro Halle und der Konzerthalle Ulrichskirche die Reihe „Jazz-Legenden in der Ulrichskirche“ ins Leben gerufen. „Vier bis sechs mal jährlich ist hier traditioneller Jazz, Swing und Blues mit den großen alten, nationalen und internationalen Spitzeninterpreten zu hören. Jazz im Ambiente eines spätgotischen Sakralbaus – das ist schon ungewöhnlich. Deshalb nehmen wir die Interpreten-auswahl auch sehr zielgerichtet gemeinsam mit den jeweiligen Partnern vor,“ so Manfred Krause, Direktor der Konzerthalle. Ungewöhnlich ist auch die Zeit für diese Jazzkonzerte – sonntags 16 Uhr sind sie für ein Publikum aller Altersgruppen gut erreichbar und werden begeistert angenommen. Hier nur der Hinweis auf einige Highlights der nächsten Monate: Im Oktober gastiert das Max Greger Quintett, im November die Big Chris Barber Band, Anfang Dezember das legendäre Glenn Miller Orchestra und zu Weihnachten Etta Cameron zusammen mit dem Jörg Seidel Quartett. Karten für alle Veranstaltungen gibt es an der Konzerthallenkasse ….
Niveauvolle Konzerte – dafür steht die Konzerthalle Ulrichskirche seit Jahren. Möge es noch lange so bleiben und weiterhin Musik in den Jahrhunderte alten Mauern erklingen. -Monika Lindner-